Irving Penn – Ein Jahrhundertfotograf

 

von Gurbet Hoffmann

Eine Retrospektive in C/O Berlin

Vor bereits 10 Jahren versuchte C/O Berlin eine Ausstellung über Irving Penn nach Berlin zu holen. Schließlich  sollten aber ganze 10 Jahre verstreichen bis eine Penn Ausstellung in diesem wunderbaren, wie für diese Fotografien geschaffenen, Haus gezeigt werden konnte. Das Amerika Haus, 1951 erbaut, hat die richtigen Räume und Atmosphäre für diese Ende der 40´er Jahre entstandenen Fotografien. In der Ausstellung werden 240 Exponate von der unglaublich produktiven 70 jährigen Schaffenszeit des Fotografen gezeigt. In die Gattungen Akt-, Mode-, Stillleben- und Porträtfotografie eingeteilt, wird das große und vielseitige Oeuvre dieses Jahrhundertfotografen in einer vom Metropolitan Museum of Art und der Irving Penn Foundation kuratierten Retrospektive der Öffentlichkeit zum erstenmal in Berlin zugängig gemacht.

Was macht die Fotografien von Irving Penn so besonders?

Irving Penn war gerade 17 Jahre jung als er ein Studium der Gestaltung in Philadelphia begann. Und mit nur 26 Jahren fotografierte er die Titelbilder der in der Modewelt  Trends setzenden renommierten Zeitschrift Vogue. Davor, zu Beginn seiner Karriere, fotografierte er Stilleben. 

Still Life, New York , 1947 © Condé Nast
Still Life, New York , 1947 © Condé Nast

Diese Bilder sind präzise arrangiert und gestochen scharf fotografiert. Das Arrangement läßt sofort erahnen, für was die Zutaten verwendet werden sollen. Bei dem einen Bild ist es eine Rindersuppe, bei dem Anderen eine Salatsoße. Man glaubt die Suppe oder die Salatsoße förmlich zu schmecken. Die Bilder erzeugen beim Betrachter Emotionen und sie erzählen Geschichten. Penn verstand das Stilleben als eine Darstellung vom Menschen, weil es Geschichten vom Leben der Menschen erzählt, für die diese Serien bestimmt sind.

Mode und Porträtfotografien

Die unzähligen Modeaufnahmen und 160 Titelbilder für das Modemagazin Vogue verhalfen Penn zu internationalem Ruhm und machten ihn als Fotografen weltweit bekannt. Auch diese Fotos scheinen immer Geschichten zu erzählen. Bei einem Fotoshooting von den damals 12 schönsten Frauen der Welt, schafft es Penn diese Frauen mit ihrem starken Ego gleichberechtigt, in je individuellen Posen zu fotografieren. Darunter auch seine spätere Frau Lisa Fonssagrives-Penn.

Für seine erste Porträtserie, den „Existenziellen Porträts“ in den 1947´er Jahren, fotografierte er u.a. bekannte Persönlichkeiten wie Igor Strawinsky, Marcel Duchamp, Alfred Hitchkock, die er ohne Attribute vor einem neutralen Hintergrund in einer Ecke mit spitzwinkeligen Stellwänden ablichtete.

Ballet Society, New York, 1948 © Condé Nast
Igor Strawinsky New York, 1947 © The Irving Penn Foundation
Marcel Duchamp, New York, 1947 © The Irving Penn Foundation

 

Durch die räumliche Begrenzung schaffte Penn Nähe und Intimität und verleitete seine Modelle zu individuellen  Posen, die etwas von Ihrer Persönlichkeit und ihrem Beruf verraten. In der Ausstellung ist so eine spitzwinkelige Wand nachgebaut und der Besucher  wird aufgefordert selber Porträts zu machen.

The Small Trades

Ein Künstler-Fotograf?

Irving Penn wollte keine Zufallsmomente mit seiner Kamera festhalten, sondern wie ein Künstler seine Motive bis ins kleinste Detail arrangieren.  Das zeigt sich in seinen frühen Stillifes und Modefotografien und zieht sich durch sein ganzes späteres Oeuvre.

The Small Trades

So auch bei seiner Fotoserie Small Trades, bei der er Menschen aus unterschiedlichen Berufsgruppen in ihren Arbeitskleidungen und mit ihren Attributen vor einer ölfleckigen Theaterleinwand fotografierte. Penn verstand sich als „Mann des Volkes“ und ihn interessierte immer auch das einfache Leben. Arbeiter und  Celebritys waren deshalb für ihn gleichermaßen interessant und wurden gleich behandelt. Ein gutes Beispiel hierfür ist auch die Serie über die Menschen der peruanischen Stadt Cuzco. Penn mietete sich ein Fotostudio in der Stadt ohne elektrisches Licht und Wasser. Er spannte seine Leinwand auf und wartete auf Menschen, die zu ihm kamen, um von ihm fotografiert zu werden.

Cuzco Children, 1948 © Condé Nast

Die Bilder wurden immer in dem gleichen nüchternen Raum mit einem dominanten Steinboden geschossen. Obwohl arrangiert, wirken die Fotos nicht steif, die Protagonisten sind nicht angespannt und bieten einen kurzen Einblick in ihr Leben. In den 70er Jahren schuf Penn eine ähnliche Serie in Marokko, in der er die Gesichter der Frauen hinter einem drappierten Schleier versteckt. Die Aufnahmen entstehen in einem auf einem Marktplatz aufgespannten Zelt,  mit wieder der gleichen Leinwand im Hintergrund.

Die Nudes,Zigarettenbilder,späte Stilleben und Porträtfotos

Eine besondere Schönheit umhüllt die Nacktfotografien, die an griechische Marmor Torsi und Bilder von Matisse oder Yves Klein erinnern.

Nude No. 58, New York, 1949-50 © The Irving Penn Foundation

Die Akte sind gesichtlos und auf ihre Körper reduziert. In ungewöhnlichen Posen und starken Nahaufnahmen zeigen sie die Schönheit der Körper ohne auch nur eine Andeutung von Pornografie. Bei den üppigeren Modellen sieht man Penns beinahe skulpurales Interesse an den Formen des menschlichen Körpers. Diese Aufnahme erinnern an vorzeitliche Göttinnendarstellungen wie etwa die in Kleinasien verehrte Göttin Kybele.

Nude
Nude

Überraschend für einen Nichtraucher und Mitglied der Antikrebskomission sind seine Zigarettenstummelbilder. Penn sammelte die Stummel auf der Straße und arangierte sie zu Paaren. Die mit einer großen Detailschärfe aufgenommenen Bilder verwandeln die weggeworfenen Stummel zu eingenständigen ästhetischen Objekten.

Seine späten Stilllifes zeigen Aufnahmen von welken oder blühenden Blumen in Farbe, womit er an sein Frühwerk anknüpft. Auch die Porträtfotografie kehrt in seinem Spätwerk wieder. So fotografiert er etwa Zaha Hadid und Issey Miyake. Mit Issey Miyake, der kein Wort Englisch und Penn kein Japanisch verstand, verband ihn eine tiefe Freundschaft, die von großem gegenseitigen Respekt und Verständnis für ihre Arbeit des anderen geprägt war. Die späten Portraits sind allerdings keine Ganzkörperportraits sondern Bruststücke.

Zaha Hadid
Issey Miyake

Fazit

C/O Berlin zeigt in einer sehr ästhetischen Präsentation eine außergewöhnliche Ausstellung  über einen Ausnahmefotografen, die man unbedingt gesehen haben muss.

Ausstellungsraum, c/o-Berlin

Bei Schirmer Mosel ist zur Ausstellung ein Katalog mit 372 Seiten und vielen Abbildungen erschienen, der zu einem tieferen Verständnis beiträgt.(68€) 

Rolleiflex Kamera, von Irving Penn

Irving Penn – Der Jahrhunderfotograf, bei C/OBerlin bis 1.7, tägich von 11:00-20:00 zu sehen.

Hinweis: Alle Fotos dieses Beitrages sind in der Ausstellung  entstanden und absichtlich angeschnitten oder unbearbeitet belassen und werden ausschließlich für diese Berichterstattung verwendet. Die Bildbeschriftung habe ich soweit vorhanden von C-O Berlin übernommen und eingefügt.