Das Broehan Museum und die Vereinigung der XI

 

Ludwig von Hofmann,
Entwurf für eine Einladungskarte der Vereinigung der XI (an Bäumen stehendes Mädchen), Um 1892/93 Kohle und weiße Kreide auf Papier
Ludwig-von-Hofmann-Archiv, Zürich
Foto: Peter Schälchli, Zürich 

Die Vereinigung der XI

Nach meinem letzten Beitrag über dänisches Schmuckdesign und seinen Einfluß auf die moderne Schmuckgestaltung, möchte ich diesmal über eine  Kunst-Ausstellung im Bröhan-Museum in Berlin Charlottenburg berichten: Die Vereinigung der XI – eine  richtungsweisende Künstlergruppierung, die bislang von der Kunstgeschichte wenig beachtet worden ist.

11 Künstler, die die Kunstszene aufmischen wollten, gründeten 1892 die Künstlergruppe die Vereinigung der XI. Walter Leistikow, der Jüngste der Gruppe, der auch die Gründung der Vereinigung initiiert und vorangetrieben hatte,  beschrieb die Gruppengründung folgendermaßen:

“ Was uns zusammenführte war allein der Wunsch, eine kleine gemeinsame Ausstellung zu arrangieren, in der jeder frei und ungeniert, ohne Rücksicht auf Wünsche und Liebhabereien des laufenden Publikums ohne äußerliches Schielen auf Parargraphen der Ausstellungsprogramme sich geben konnte. Von dieser Idee versprachen wir uns Vergnügen und der Kunst der Hauptstadt…nun ja vielleicht ein bisschen Erfrischung, ein bisschen Erregung – und damit: Leben.“

Innovative Wege

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Kunstszene Berlins von den Richtlinien der etablierten akademischen Kunst dominiert, die sich nicht mehr weiter entwickelte und zu homogen geworden war. In Deutschland sträubte sich Kaiser Wilhelm II. gegen moderne Kunstströmungen, die von Frankreich ausgehend Künstler über Grenzen hinweg beeinflußten. Dazu gehörten unter anderem der Impressionismus und der Symbolimus. Auch die Schule von Barbizon prägte einen ganz eigenen neuen Malstil. Kaiser Wilhelm II. dagegen  förderte vor allem historistische Kunstströmungen, die gerne heroische oder aus der Antike entlehnte Szenerien darstellten. Dabei wurde Wilhelm II. von Anton von Werner, dem Präsidenten der Kunstakademie und Vorsitzenden des Vereins Berliner Künstler beraten und unterstützt.  Der VBK ist der älteste Künstlerverein Deutschlands und wurde von Johann Gottfried Schadow 1841 gegründet. Fortschrittliche Künstler, die sich vom akademischen Stil lösen und neue Wege einschlagen wollten, waren auf sich selbst gestellt und mussten erfinderisch sein, um auf sich aufmerksam zu machen. Dabei orientierten sie sich an Künstlergruppen, die sich bereits im Ausland als Gegenbewegung zur akademischen Kunst zusammengefunden hatten. Die C7, der Club der sieben in Österreich, die Belgische Veignt, die Schule von Barbizon oder die Glasgow Boys aus Schottland waren Gruppen die der Vereinigung der XI als Vorbilder gedient haben.

Die Gründung der XI

Die Gruppe erhob den Anpruch, die elf fortschrittlichsten Künstler Berlins zu sein. Um Ihre Kunst zeigen zu können, konnten sie den Galeristen Schulte für sich gewinnen. Die Galerie Schulte war eine der modernsten Galerien der Zeit, in unmittelbarer Nähe der Kunstakademie auf dem Gelände des heutigen Hotel Adlon neben dem Brandenburger Tor gelegen. Moderne, repräsentative Räume mit elektrischem Licht ausgestattet boten den idealen Rahmen für die Ausstellungen der XI. Die Künstler kuratierten ihre Ausstellungen selber und diktierten die vertraglichen Bedingungen. Schulte hatte somit kein Mitspracherecht bei der Ausstellungskonzeption und behielt nur 10% vom Gesamterlös. Er war für die Anzeigenschaltung in der Presse und den Druck der Einladungskarten zuständig.  „Die Künstlerkuratoren“ setzten die Monate April/Mai als Ausstellungstermin fest, um  der großen Kunstausstellung des VBK, die  jährlich im Juni stattfand, zuvor zu kommen.

Die erste Ausstellung- Ein Skandal

Die XI setzte auf ein eigenes und kleineres Format als die großen VBK Ausstellungen, um dadurch mehr Aufmersamkeit auf ihre Kunst zu richten. Sie zeigten dabei Künstler mit individuellem und uneinheitlichem Stil in einer schlankeren modernen Hängung, die sich deutlich von der Hängung der großen Kunstausstellung unterschied. Es kam nicht mehr auf die Quantität, sondern auf die Qualität der gezeigten Werke an. Sowohl die gezeigte Kunst als auch die Präsentation sollte avantgardistisch sein.

Jacob Alberts
Halligstube, Gröde
1894
Öl auf Leinwand
Museum Kunst der Westküste, Alkersum/Föhr

Auch ihre Bildsujets und die malerische Umsetzung unterschied sich von der damals etablierten Kunst. Darstellungen von Bauern oder Arbeitern im französisch impressionistischen und symbolistischen Stil wurden bereits als Angriff auf die bestehende Gesellschaftsordnung im Kaiserreich interpretiert. Der Deutsch Französische Krieg aus den Jahren 1870/71 war noch zu präsent.

Der Skandal

Der Skandal war vorprogrammiert. Die etablierte Kunstszene und die Presse stürzten sich auf die XI und es hagelte herbe Kritik. Manche aber begrüßten die neue Strömung und den frischen Wind, der von dieser Gruppe ausging und berichteten positiv über die Ausstellung. Insgesamt 50 Presserezessionen konnten über die erste Ausstellung verzeichnet werden. Walter Leistikow, der dies alles amüsiert goutierte, war stolz auf seine XI, die unabhängig agieren konnten. Der VBK musste nämlich eine Ausstellung von Edvard Munch nach herber Kritik innerhalb von 7 Tagen schließen, während den XI so etwas als  freie und unabhängige Gruppe mit eigenem Ausstellungsraum nicht passieren konnte.

Die Ausstellung im Bröhan-Museum

Da es nur einen einzigen historisch nachweisbaren Katalog zu den Ausstellungen  der XI gibt, hat die Kuratorin der Ausstellung Dr. Sabine Meister, verschiedene Pressetexte recherchiert und die Ausstellung im Bröhan-Museum anhand dieses dürftigen Materials zu rekonstruieren versucht.

Gemälde / Öl auf Leinwand (1899/1900) von , Franz Skarbina [1849 – 1910] , Bildmass 97 x 146 cm , Systematik: , Kulturgeschichte / Geselligkeit / Promenaden, Artist: Franz Skarbina , Copyright: bpk / Jürgen Liepe

Es werden im Bröhan-Museum 40 Werke gezeigt, die definitiv ausgestellt waren, 20 Werke die ausgestellt sein könnten und 40 vergleichbare Werke. Arbeiten von Jacob Alberts im naturalistischen Stil und die Hafenszenerien von Hans Herrmann, die einen Einfluß holländischer Barockmalerei zeigen, bilden den Auftakt der Ausstellung und führen über Skarbina und Max Liebermann zum Impressionismus. Hierbei wird deutlich wie sehr die XI den Malstil von Max Liebermann beeinflußt hat, der sich zunehmend der Porträt-, und Landschaftsmalerei zuwendet. Dabei löst er sich  vom klassischen Malstil und wendet sich dem Impressionismus zu. Die Form wird zugunsten der Farbe aufgelöst, der Farbauftrag und die Farbkompostion bestimmen das Bild. Vor allem das Einfangen des Lichtes gehört zu den wichtigsten Aufgaben, denen sich Liebermann stellt.

Max Liebermann
Vorstudie zum Bildnis des Dr. Max Linde
1897
Öl auf Leinwand
Museum Behnhaus, Lübeck

Das Bemühen, das Licht einzufangen und dies malerisch darzustellen, zeichnet auch den frühen impressionistischen Malstil Franz Skarbinas  aus, der sich später  zunehmend dem Symbolismus zuwendet. Seine farbenfrohen, lichtdurchfluteten Großstadtbilder werden später von grauen und blauen Tönen dominiert. Das Licht wird durch künstliche Lichtquellen oder Feuer in orange-gelb dargestellt. Dieses Orange-gelb wirkt umso intensiver, da die restliche Koloration des Bildes sehr zurückhaltend bleibt. Auch der Bildinhalt läßt ganz im Sinne des Symbolismus mehrere Deutungen zu.

Franz Skarbina
Ein Nachtbild
1895
Öl auf Leinwand
Sammlung H. Huth
Foto: © Fotostudio Bartsch, Karen Bartsch, Berlin

Walter Leistikow ist mit seinen menschenleeren Landschaften und stimmungsvollen Seedarstellungen vertreten. Sein Malstil zeigt deutliche Einflüsse des Impressionismus, Symbolismus und Japonismus. Die ins extreme gesteigerte und zugespitzte Farbigkeit lässt auch Anklänge von nordischen Malern wie etwa von Edvard Munch erkennen.

Walter Leistikow Abendstimmung am Schlachtensee 1895Öl auf Leinwand©Stiftung Stadtmuseum Berlin Foto: Hans-Joachim Bartsch, Berlin

Der damalige Star unter den XI Max Klinger ist mit seinen Cassandra Büsten präsent, die in den Raum mit den Bildern von Ludwig Hofmann überleiten. Beide Künstler vereint die Rezeption von mythologischen Themen. Antike Themen waren eigentlich nicht mehr Inhalt von avantgardistischer Kunst, die sich eher der Landschaftsdarstellung oder dem Leben in der Großstadt widmete. Dennoch wurden die Arbeiten von Ludwig Hofmann sehr stark von der Presse und den Kunstkritikern verrissen. Vielleicht lag es daran, weil diese Arbeiten schwer zugänglich waren, Rätsel aufgaben, die ungelöst blieben. Die paradiesisch, bukolischen Landschaften haben etwas Ambivalentes. Die nicht zuordenbare fiktive Welt der Bilder, ihre extreme Farbigkeit und der dennoch realistische Malstil, der nackte Minderjährige wie in eine mythologische Geschichte szenisch einbettet, verstärken diesen Eindruck. Beim Betrachter lösen diese Bilder oft ein undefinierbares Unbehagen aus.

Hofmann, Ludwig von. 1861–1945.
“Mädchen am Strande”, um 1898.
Öl und Tempera auf Leinwand,
62 × 74 cm.
Inv. Nr. 1953/255
Dresden, Staatliche Kunstsammlungen.

Dora Hitz die erste Frau, die in eine Künstlergruppierung aufgenommen wurde und bei den XI als ständiges Mitglied der Gruppe ab 1897 ausgestellt hat, ist mit einem Porträt der Bankiersgattin Ahlenfeld und einem Mutter  Kind Gemälde vertreten.  Die Umrahmung der Köpfe wie mit einem Heiligenschein und die weißen Lilien, ein Symbol für  Unschuld und Reinheit, verweisen auf Mariendarstellungen.

Dora Hitz Das Sonnenkind1895 Öl auf LeinwandPrivatbesitz Foto: Jochen Littkemann, Berlin

 

Dora Hitz war zusammen mit Martin Brandenburg nach dem Austritt von Hugo Vogel und Hans Herrmann   1897 der XI beigetreten.

Der letzte Raum der Ausstellung mit den badenden Knaben  von Max Liebermann und Werke von Walter Leistikow, Dora Hitz und Franz Skarbina widmet sich  der Berliner Secession, in der die Vereinigung der XI aufgegangen ist. Die Vereinigung der XI hat für die Berliner Secession den Weg bereitet. Sie haben die eigentliche Revolution der Moderne nach Berlin gebracht. Die Ausstellung im Bröhan-Museum ist die erste Präsentation dieser für die Berliner Kunstgeschichte so wichtigen Gruppe überhaupt.

Max Liebermann
Badende Knaben
1900
Öl auf Leinwand
© Stiftung Stadtmuseum Berlin
Foto: Hans-Joachim Bartsch, Berlin

Der Malsalon

George MossonBlumenstilllebeno.J.Öl auf LeinwandPrivatbesitzFoto: Christine Kisorsy

Im Malsalon können die Teilnehmer vor den Originalen die Meister studieren, und sich ihnen auf diese Weise malerisch peu a peu nähern. Anhand der Studien können die Teilnehmer  lernen Landschaften, Himmel oder Blumen  wie Leistikow oder Mosson zu malen.

Die XI Gründungsmitglieder:

Walter Leistikow, Max Liebermann, Franz Skarbina, Jacob Alberts, Hans Herrmann, Hugo Vogel, Georges Mosson, Konrad Müller-Kurzwelly, Hugo Schnars-Alquist, Friedrich Stahl, Ludwig von Hofmann

1894 Austritt von Konrad Müller-Kurzwelly / Aufnahme von Max Klinger

1897 Austritt von Hans Herrmann und Hugo Vogel / Aufnahme von Martin Brandenburg und der  Künstlerin Dora Hitz

Die Ausstellung Skandal! Mythos! Moderne! Die Vereinigung der XI in Berlin ist noch bis 15. September 2019 im Bröhan-Museum zu sehen.

Begleitprogramm

 

Die Schule von Barbizon

Wurde 1830 von Théodore Rosseau in Ablehnung der akademischen Lehre am Wald von Fontaine Bleau gegründet. Sie beeinflußte die Landschafts-malerei und wurde zum Wegbereiter des Impressionismus. Die realistische Naturdarstellung und die Freilichtmalerei waren geboren.

Luminarismus

1864 konnte James Maxwell den elektromagnetischen Wellencharakter von Licht nachweisen. Die Künstler versuchten daraufhin das Licht in Form von Lichtflecken und Lichtbündeln darzustellen. Siehe Impressionismus

Impressionismus

Alla Prima Malerei, die idealerweise plein air stattfinden sollte. Die Farben wurden Nass in Nass oder auf der Palette gemischt und in schnellem Pinselduktus endgültig auf die Leinwand aufgebracht. Dabei basierten die Farben auf wenigen Farbmischungen, die immer wieder im Bild an verschiedenen Stellen auftauchen. Die Malerei strebte nach einer wertefreien Darstellung der Natur oder des Großstadlebens, während der Realismus die innere Wahrheit und der Idealismus die Erhöhung der Wirklichkeit darstellen wollte.

Symbolismus

Die Landschaft wird zur Trägerin einer mystischen und geheimnisvollen vieldeutigen Stimmung. Die Kunst vermittelt zwischen Realität und tieferen Ebenen.

Jean Moréas: „Die wesentliche Eigenschaft der symbolistische Kunst besteht darin, eine Idee niemals begrifflich zu fixieren oder direkt auszusprechen.“

Holländische Barockmalerei

Wurde durch ihren Emailartigen Farbauftrag und stimmungsvollen Interieur Bilder beliebt. Der emailartige, glänzende Farbauftrag konnte durch das Beimischen von bestimmten Wachsen in die Farbpigmente erzielt werden.

 

 

Viel Freude, wünscht Eure Gurbet